Das aufregende Leben mit einem Mowat-Wilson !


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Das Zeugnis für ein "besonderes Kind" ist auch was Besonderes. Es ist nicht zu vergleichen mit einem normalen Zeugnis. Habe hier ein paar Ausschnitte aus dem Schulbericht von Niklas zusammengestellt. Viel Spaß beim Lesen!



An dieser Stelle nochmals für unsere Sina die besten Glückwünsche für ihr geniales "normales" Zeugnis. Mucki, du bist einfach spitze!


 
                                                                                   

 


Auszug aus dem Schulbericht von Niklas Majer, viertes Schulbesuchsjahr 2009/2010


Allgemeines

Niklas besucht das vierte Schuljahr einer Klasse der Grundstufe. Die Klasse setzt sich zusammen aus vier Jungen und zwei Mädchen im Alter von sechs bis elf Jahren… drei der Schüler sind Rollstuhlfahrer. Eine Klassenlehrerin, ein Fachlehrerin und eine Jahrespraktikantin. Niklas arbeitet noch mit einem Ergotherapeuten, einer Logopädin und einem Sonderschullehrer zusammen. Er nimmt an der Lesegruppe (Bilder und Gebärden lesen), der Sinnesschulung, Religion und Bewegungserziehung teil.

 

Sozialer Bereich/Emotionaler Bereich

Niklas fühlt sich nach wie vor wohl in seiner Klasse… es kamen zwei mobile sehr aktive Schüler dazu… Es geht lebhafter zu, als in den vergangenen Schuljahren. Niklas wird durch die veränderte Klassensituation aufgefordert aktiv zu werden und zu sein. Nur nach einer Gewöhnungsphase konnte Niklas es genießen, dass in der Klasse mehr los war… er beobachtet viel… zeigt Interesse an seinen Mitschülern. Nach wie vor legt Niklas den Weg vom Bus ins Klassenzimmer alleine zurück. Oft legt er den Weg zurück ohne eine Aufforderung. Es kommt aber sehr auf Niklas‘ Tagesverfassung an, wie schnell und zielstrebig er ist. An manchen Tagen ist er sehr verträumt und trödelt. Dann schaut er den anderen Kindern zu und vergisst seinen Weg fortzusetzen. Er hat Freude am Unterricht… war in diesem Jahr nochmals in der Lage, seine Unsicherheit und Ängstlichkeit weiter abzubauen.

 

Selbstversorgung                  

Niklas sitzt in diesem Schuljahr auf demselben Platz wie in den vergangenen Schuljahren…Sicherheit ist für ihn sehr wichtig. Das Essen war ein großes und schwieriges Thema… er brauchte viel Zuwendung und Aufforderungen seitens der Lehrkraft. Er benötigte Handführung und verbale Unterstützung der Lehrkraft. Die Logopädin übte gezielt das Abbeißen und das Kauen. Gute Erfolge wurden bei Brot mit Wurst erzielt… er war in der Lage ein ganzes Brot innerhalb einer Mahlzeit zu essen. Niklas trinkt aus einer handelsüblichen Flasche mit Mundstück. Er braucht die Unterstützung der Lehrkraft und muss des Öfteren zum Trinken aufgefordert werden. Niklas hat angefangen aus einem Becher mit Mundaussparung zu trinken. Er hält den Becher mit beiden Händen fest und trinkt ein paar Schlucke. Das Ziel ist es, dass Niklas seine gesamte Flüssigkeit über den Becher zu sich nimmt… er braucht viel Zeit… er geht nach dem Frühstück zum Spülbecken, gibt seinen Becher ab und danach geht er zum Händewaschen. Klotraining: Niklas zeigt nach wie vor die Gebärde für Klo, allerdings oft nur, wenn er dazu aufgefordert wird… seine Windel ist oft trocken und pinkelt ins Klo. Stuhlgang geht nur noch ganz selten in die Windel… er drückt danach selbst die Klospülung… danach Hände waschen… er zeigt die Gebärde für Hände waschen… beim Waschen und Zähne putzen braucht er die Hilfe der Lehrkraft.

 

Kommunikation

Niklas verfügt über keine aktive Sprache. Er kann nur einige Wörter sprechen und setzt diese im Schulalltag ein. Seine Worte sind: Ja, Mama, Ei, Eier, Miau, Jippie, Hei, Baby. Er drückt Bedürfnisse und Wünsche durch Mimik, Gestik und zeigen auf Gegenständen aus. Er kommuniziert mit Blick- und Körperkontakt… kommuniziert auch durch Gebärden… Niklas nimmt seit diesem Jahr an der Lesegruppe teil. Er übt fleißig neue und bekannte Gebärden. Er verwendet sie auch im Schulalltag… er gebärdet: Papa, Mama, Sina, Schule, Bus, Essen, Trinken, Klo, Hund, Pferd, Hüpfen, Schwimmen, Namensgebärden seiner Mitschüler.

 

Morgenkreis

Er findet in der Regel dreimal pro Woche statt.  Am Wochenanfang gibt es einen Gesamtmorgenkreis für die ganze Schule…findet im Innenhof statt. Niklas genießt den Morgenkreis und es macht ihm nichts mehr aus, dass es laut ist und eine Menge Schüler zusammen sind. Er schaut interessiert und verfolgt das Geschehen… es macht ihm Spaß, wenn etwas los ist und zu Sehen und zu Hören gibt.

 

Vernetzter Unterricht: Zeit und Mensch

Bei diesem Thema sollen die Schüler den Tagesablauf, den Ablauf einer Schulwoche und den Jahresablauf kennen lernen und erfassen. Es werden Piktogramme und Gebärden eingesetzt. Die Schüler sollten erleben, was es heißt eins nach dem anderen zu machen, Reihenfolgen einzuhalten, Ausdauer zu haben, sich in der Umwelt zurecht zu finden, ihren Platz in der Schulgemeinschaft zu finden und ihre Umwelt mitzugestalten… als erstes war die Klassensituation dran. Dann die Bezugspersonen und die Therapeuten.. meine Klasse und ich… Fotos… Gebärden… Familie… der Schüler selbst. Dazu gab es Streichelgeschichten, Körpergeschichten, Massagen, Fingerspiele und Bewegungslieder. Niklas hat zu diesem Thema mit Stoffmalfarben Taschen und Lätze gestaltet… aus Fingerabdruck Mäuse, Käfer und Hühner herstellen. Er ist mit dieser Arbeit vertraut und drückt selber seinen Finger auf den Stoff. Es macht ihm Spaß und er ist eifrig dabei. Hinzu kamen Pinselarbeiten, Scheiben des Klassenzimmers gestalten, Herbstdekoration, Adventskranz dekorieren, Tannenzweige fühlen und riechen. Musikerziehung parallel mit Herbstliedern, Winterliedern, Weihnachtsliedern… unterstützt mit Trommel, Xylofon und Rasseln. Niklas hat sehr viel Freude an der Musik, an Fingerspielen… ist gespannt und sehr konzentriert.

 

 

Vernetzter Unterricht: Arbeit und Technik

Bei diesem Thema haben wir uns vorwiegend mit Geräten und Maschinen beschäftigt. Ziel neue Materialen kennen zu lernen, zu erkunden und der richtige Umgang damit. Die Schüler haben mit Küchenmaschine, Getreidemühle, Mixer und Pürierstab, Backofen, CD Player, Kassettenrekorder und verschiedenen elektronischen Geräten, die Musik und Farbe erzeugen, gearbeitet. Thema Getreide und Brot… Kochunterricht… gebacken. Verschiedene Kuchen und Brote und die Gebärden und Namen kennen gelernt. Wir haben Lernfahrten gemacht und verschiedene Geräte ausgewählt und eingekauft und im Unterricht eingesetzt (Lichtorgel, Lichterschlauch, Discokugel. Die Schüler haben geübt die Geräte ein- und auszuschalten. Weiteres Thema war das „Ei“, speziell an Ostern. Woher kommt das Ei, wo ist es drin, mit Eiern gebacken… Niklas fand dieses Thema sehr interessant. Er fand die Maschinen spannend. Maschinen, die Laute Geräusche erzeugten, beobachtete er vorsichtig und fand dann aber Freude an ihnen. Besonders die Küchenmaschine, die sehr laut war und vibrierte fand sein Interesse.

 

Vernetzter Unterricht: Tierwelt

Hier drehte sich alles um das Tier. Wir haben uns mit den Tieren auf dem Bauernhof beschäftigt. Es wurden die Tiere Huhn/Hahn, Schaf, Kuh, Schwein, Katze, Hund und Pferd behandelt. Dazu Namen, Gebärden, Bilder, Geräusche. Es kamen lebendige Hühner in die Schule, der Hundebesuchsdienst war da, wir haben einen Bauernhof besucht, die Pferde im Stall besucht. Die Kinder konnten die Tiere sehen, fühlen, riechen, anfassen. Niklas konnte offen auf die Tiere zugehen und er hatte viel Freude daran. Niklas hat einen riesen Fortschritt gemacht und ist mit viel weniger Angst und Scheu an die Sache heran gegangen. Im Gestaltunterricht zu diesem Thema haben wir Bilder gestaltet. Ein Bild mit Hühnerfedern, Schafswollen, Fell… Musikunterricht wurde gesunden „Onkel Tom hat einen Bauernhof“. Fingerspiele mit Tieren, Bilderbücher. Bei den Geräuschen der Tiere lachte Niklas oft laut. Er war sehr aktiv und mit Spaß dabei.

 

Freie Stillarbeit

Niklas beschäftigt sich gerne mit Lili Nielsen Bilderbüchern. Er blättert einzelne Seiten um und erkundet selbst die Gegenstände. Er kann sich aber nur sehr kurz konzentrieren und schaut dann lieber im Klassenzimmer umher und beobachtet seine Mitschüler… auch mit elektronischen Spielgeräten, Steckübungen und Puzzles arbeitet Niklas sehr gerne. Es ist weiterhin ein Ziel seine Ausdauer und Konzentration zu erhöhen.

 

Lesen „Bilder und Gebärden lesen“

Zweimal wöchentlich. Begrüßung der Kinder, Namensgebärde der Kinder an die Tafel. Die Lesegruppe orientiert sich immer an ein Bilderbuch oder ein Lied. Es wird immer mit Fotos, Bildern, Gebärden und Realgegenständen gearbeitet. Jede Woche lernen die Kinder eine neue Gebärde, Arbeitsblätter werden gestaltet und die Gebärden ständig wiederholt. Niklas geht sehr gerne und hat Freude an den Bilderbüchern und Liedern. Es bereichert Niklas im sozialen, emotionalen und kognitiven Bereich.

 

Arbeiten am Computer

Niklas arbeitet mit dem Programm „Blob1“. Einfache Aktionsspiele in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Durch drücken einer Taste… bestimmte Reaktion. Niklas‘ Auge-Hand-Koordination wird gefördert. Er arbeitet sehr gerne am Computer, lässt sich aber auch leicht ablenken.

 

Sport – Airtramp

Einmal wöchentlich. Hierbei handelt sich es um ein großes Luftkissen in der Turnhalle. Die Schüler erleben ihren Körper schon beim Aufblasen in verschiedenen Positionen. Niklas hat keine Angst mehr, wenn er hin und her rutscht. Niklas sucht sich selbstständig einen Platz auf dem Airtramp. Er ist nicht mehr auf eine Person fixiert. Niklas liebt das Airtramp und an seiner Begeisterung für Ballspiele auf dem Airtramp hat sich nichts geändert. Er hat große Vorliebe für Luftballons und quietscht laut, wenn mit den Ballons gespielt wird. Niklas ist auch in der Lage eine Zeit lang Massagen an Händen und Füßen zuzulassen. Er kann es genießen, wenn sich eine Lehrkraft für ihn Zeit nimmt.

 

Psychomotorik

Ein Parcours in der Turnhalle mit verschiedenen Bewegungsaufgaben. Die Sicherheit beim Gehen wurde hier gefördert… über Holzbank gehen… über Bodenmatte zu gehen… über Schaumstoff zu gehen. Schaukeln, Wippen. Niklas löste die verschiedenen Aufgaben mit einer Lehrperson. Arbeit mit großen Bauklötzen aus Schaumstoff. Niklas löst die Bewegungsaufgaben selbständiger, sicherer und mit weniger Angst. Eine Erlebniswelt wurde aufbaut: Windmaschine, Ecke zum Verkleiden, Schwarzlichtraum, Kletterlandschaft, Spiegelraum. Niklas war gerne in der Erlebniswelt und war in der Lage auszudrücken, wo er hin möchte. Niklas brauchte immer die Unterstützung einer Lehrperson. Weniger schön fand Niklas die Windmaschine.

 

Schwimmen

Ziele beim Schwimmen: Freude an der Bewegung im Wasser, erleben des Elements Wasser und Wassergewöhnung. Niklas konnte seine Freude und seinen Mut zum Wasser ein wenig steigern. Niklas kann mit Schwimmflügeln ansatzweise Brustschwimmbewegungen machen.

 

Heilpädagogisches Reiten

Niklas nimmt einmal pro Woche am geführten Reiten teil. Niklas freut sich immer, wenn er das Pferd sieht und strahlt über das ganze Gesicht. Er ist inzwischen in der Lage, dem Pony auf der flachen Hand ein Stück Apfel anzubieten. Das Reiten erfolgt im gehaltenen Sitz, wobei Niklas in der Lage ist frei und selbstständig zu sitzen.

 

Basalstunde

Findet einmal wöchentlich statt. Anfang des Schuljahres war das Thema „Herbst“. Äpfel, Birnen, Trauben, Nüsse. Mit allen Sinnen arbeiten… sehen, riechen, schmecken, fühlen. Dazu wurde im Kochunterricht Fruchtmus hergestellt. Danach das Thema „Licht“. Viele Kerzen, das Licht sehen, die Wärme spüren, danach elektrische Lichtquellen wie Sternenlichterkette, Lichterschlauch. Licht beobachten zu betrachten. Dann folgte das Thema „Hände“. Rasierschaum fühlen, danach Hände waschen, abtrocknen, eincremen. Es folgte das Thema “Füße“. Mit nackten Füßen Materialien fühlen wie Moos, Erde, Steine, Sand, Folie. Niklas zeigte beim Thema Herbst keine Veränderungen. Wird ihm Fruchtmus angeboten, lässt er sich nur zum Probieren überreden. Thema Licht fand großes Interesse. Niklas hat Respekt vor der Kerze, nimmt aber die Wärme wahr. Beim Thema Hände hatte er anfangs große Scheu. Nur mit Handführung und vielen Wiederholungen traute sich Niklas in den Rasierschaum zu fassen. Beim Thema Füße zeigt Niklas das gleiche Verhalten wie bei den Händen. Nur mit viel Geduld gewinnt er mehr Sicherheit.

 

Wasserbett

Im Raum des Wasserbettes angekommen ziehen alle Kinder die Schuhe aus und legen sich darauf. Es gibt in diesem Raum sehr viel zu erleben. Sinne werden angesprochen. Musik, Lichter und Formen an der Wand, eine Wassersäule, Farbspiele, Duftöle. Es werden viele Hand- und Fußmassagen gemacht. Niklas genießt die Zeit auf dem Wasserbett, die Schaukelbewegungen zu spüren und selbst Bewegungen zu erzeugen.

 

Sinnesschulung

Einmal wöchentlich. Erstes Halbjahr war das Thema „Märchen“. Die Märchen wurden erzählt und mit allen Sinnen erlebbar gemacht. Geräusche der Tiere gemacht, Bilder dazu angeschaut, z.B. im Winter der Schnee (Frau Holle), Äpfel vom Baum gepflückt, Brot gezeigt, Gold gefühlt… Zweites Halbjahr gab es die Wohlfühlstunden. Die Schüler wurden auf Matten, Decken und Kissen gelagert. Musik gehört. Massage durchgeführt, Lichtspiele betrachtet… die Kinder konnten zur Ruhe kommen. Niklas hat sich oft ein Kissen geholt und es sich ganz gemütlich gemacht. Er hat es sehr genossen. Im Sommer fand die Stunde im Freien statt. Es wurden Geschichten gehört, Blumen und Blüten betrachtet, Streichelgeschichten erzählt. Niklas ist gerne draußen an der frischen Luft. Die Sonne darf nur nicht zu hell scheinen, denn dann muss Niklas andauernd niesen. Er wird geblendet und ist nicht mehr in der Lage sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Niklas hat dieses Jahr seine Scheu vor neuen Materialien nochmals verringert (in diesem Fall Wasser, Blumen, Blüten, Blätter). Er traut sich diese Materialien anzufassen und zu fühlen.

 

Kommunikationsförderung

Ziel: Niklas Handlungsmöglichkeiten im Bereich der Alltagsanforderungen zu erweitern und die Kommunikation über Bildsymbole zu verbessern.

Maßnahmen: Niklas Aufgabe bestand darin, den Weg ins Förderzimmer alleine zurück zu legen. Er bekam dazu eine Karte, auf der seine Aufgabenstellung und das dazugehörige Foto abgedruckt waren. Das sollte verhindern, dass er von unbeteiligten Lehrern zurück ins Klassenzimmer gebracht wird. Niklas konnte sich darauf nur schwer einlassen. Immer wieder ließ er sich ablenken, blieb stehen oder lief in die falsche Richtung. An guten Tagen war die Aufgabe für ihn kein Problem und er kam zügig und ohne Umwege an. Auch bei der Beschäftigung mit Bildkarten war es sehr von seiner Tagesform abhängig. Für die Zukunft wäre es günstig in einer Kleingruppe zu arbeiten, damit Niklas Handlungsmodelle von anderen Kindern übernehmen kann.

 

Physio-/Ergotherapie

Ziel: Bewegungsförderung, Gleichgewichts- und Koordinationsförderung, taktile Erfahrungen, Aufgabenbewusstsein, auflösen von Handlungsblockaden

Dreimal pro Woche Einzelförderung, Ringorthesen

Maßnahmen: Gangbildverbesserung mit Fußmärschen, unwegsame Untergründe, Fahrrad mit Unterstützung beim Lenken, Konzentrationsspiele, Steigerung des Kraftaufwandes.


Tausend Dank an alle Lehrkräfte und Therapeuten, die jedes Jahr so einen aufwendigen Schulbericht verfassen und unsere Kinder so individuell fördern und betreuen!!